Big Brother - Rettung für TV3?
Kommentar, gezetera online am 25. 8. 2000
Jürg Wildberger hat nach dem letzten rettenden Strohhalm gegriffen: Nachdem sein Sender TV3 seit mehreren Monaten mehr
schlecht als recht vor sich hin dümpelt, hat er nun beim holländischen Erfolgsproduzenten John de Mol das
"Big Brother"-Konzept gekauft . Soweit von aussen zu beurteilen ist, setzt Wildberger alles auf eine Karte - geht Big Brother
Schweiz baden, reisst es wohl das gesamte TV3-Konzept mit sich.
Wildberger beschwört mit Big Brother "die Zukunft des Fernsehens" - interaktiv, ohne Internet nicht denkbar. Grundsätzlich
ist dagegen nichts einzuwenden - nur: Wenn TV3 sich damit tatsächlich retten will, müssen sie den Web-Auftritt von Big Brother
massiv überdenken.
Die Seite ist katastrophal unübersichtlich, und viel mehr als die Abos für den Newsletter und das Magazin ist an Interaktion
nicht geboten. Das Messageboard (wohl eine Art Diskussionsforum) funktioniert erst gar nicht. Der Rest ist uninteressanter
Text, allenfalls der Grundriss des Containers könnte interessieren.
Jegliche Möglichkeit zur innovativen Interaktion ist inexistent - vom Fernsehen der Zukunft ist nicht viel zu sehen.
Abgesehen davon ist es fraglich, ob Big Brother in der Schweiz genauso einschlagen wird wie in Deutschland. Natürlich, sowohl
RTL2 als auch TV3 haben sich ganz offensichtlich auf die eher niederen Triebe des Publikums spezialisiert; es erscheint
logisch, dass ausgerechnet TV3 Big Brother ausstrahlen wird. Aber der Markt in der Schweiz ist zu klein für Medienhypes à la
Zlatko, Jürgen und wie sie alle heissen. Abgesehen davon verkaufen sich die CDs der erwähnten Herren in der Schweiz fast gar
nicht, und selbst wenn, ist das Käufervolumen nicht zu vergleichen mit dem grossen Nachbarn im Norden.
Big Brother ist der Vertreter eines neuen Sendeformats, genauso wie die bezeichnenderweise ebenfalls bei TV3 ausgestrahlte
Sendung "Expedition Robinson". In dieser unseren Gesellschaft, wo es nur noch um Fun geht, möglichst folgenlos (in diesem
Zusammenhang wurde sogar kürzlich vom 12. Gebot, "safer fun" gesprochen), wo Fun missverstanden wird als Aktionen, welche
jeglicher Ethik entbehren, wo absichtlich und bewusst auf kritisches, reflektiertes Nachdenken verzichtet wird, in dieser
Gesellschaft ist Big Brother die konsequente Weiterentwicklung des Extremrausches. Andere Menschen bei allen Aktionen
beobachten ist nicht länger etwas für Psychologen und Ethnologen, sondern ist zu einer Freizeitbeschäftigung für alle
geworden, familientauglich, unbbedenklich. Was wir bisher vielleicht eher in den USA oder in Japan wähnten, hat bei uns
Formen angenommen, welche herkömmliches Reality-TV bei Weitem überschreiten.
Der Gipfel ist, dass weder all die Robinsons noch die Zlatkos, Sabrinas und Jürgens sich darüber im Klaren scheinen, dass
sie zu austauschbaren Produkten geworden sind, welche gekauft werden. Sie sind nicht länger Menschen, die auftreten, Künstler,
Artisten, Gelehrte, Sportler, sondern sie sind eine Art Weiterentwicklung von G. I. Joe, Action Man und Barbie.
TV3 ist ein kommerziell orientierter Privatsender. Man kann Wildberger im Prinzip nicht einmal vorwerfen, dass er Big Brother
senden will, denn schliesslich wird es anscheinend vom Publikum verlangt. Man kann allerdings darüber streiten, ob er einen
Service Public-Auftrag erfüllt, ist er doch schliesslich einer aus den Reihen, die jeweils lautstark schreien, wenn wieder
einmal die Finanzierung von Privatsendern zur Diskussion steht. Roger Schawinski gehört auch dazu, und auch sein Tele24 ist
sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber immerhin versorgt er uns mit Informationen (oft in Form von Infotainment)
und scheint ein gewisses Konzept mit seinem Sender zu verfolgen, wo der Service Public, bewusst oder unbewusst, eine gewisse
Rolle zu spielen scheint. Bei TV3 scheint alleine das Geld und die Marktstellung eine Rolle zu spielen, eine Praktik, die
leider im Mutterhaus TA-Media je länger je mehr die Ðberhand gewinnt. Schade, dass Esther Girsberger nicht mehr dabei ist -
sie hätte sicher einige interessante und, fast gar nicht mehr vorhanden in diesem Unternehmen, reflektierte Gedanken
geäussert...