"Für eine gute Uni braucht es gute StudentInnen!"

Interview mit Daniel Vasella, CEO Novartis, gezetera print 4/00

Die Evaluation der Professoren ist für eine gute Universität genauso unerlässlich wie die Einführung von Selektionskriterien für Studierende. Der CEO des in Basel ansässigen Healthcare-Unternehmens Novartis, Daniel Vasella, äussert sich im Gespräch mit gezetera zur Universität, zum Verhältnis zwischen Universität und Industrie und zur Wissensgesellschaft. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass die Interessen der Industrie und der Studierenden bezüglich der Universität weitgehend übereinstimmen: Guter Ruf, hochstehende Forschung, qualifizierte Lehre und eine ausreichende Infrastruktur und Mittel.

gezetera: Herr Vasella, der Wandel zur "Wissensgesellschaft" scheint in vollem Gange zu sein. Für die Zukunft sind zwei mögliche Szenarien denkbar: Entweder wird Wissen als Ware behandelt, also akquiriert und weiterverkauft; oder aber Wissen wird zum Allgemeingut und allen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Vasella: Ist es nicht bereits so, dass Wissen vielerorts als Allgemeingut immer breiter und unentgeltlich zur Verfügung steht?

gezetera: Das wäre die Frage. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Vasella: Erstens hat Wissen schon immer eine wesentliche Rolle gespielt. Kein Beruf kann ohne ein bestimmtes Wissen, dessen Komplexität allerdings stark variiert, ausgeübt werden. Besonders zu Zeiten tiefgreifenden Wandels spielt Wissen, dessen Erweiterung und Erneuerung jedoch eine noch wichtigere Rolle. Dies und die technologische Revolution erklären weshalb heute Wissen mehr Beachtung findet als zu Zeiten als wir in einer landwirtschaftsdominierten Gesellschaft lebten. Daten und Information stehen in immer grösserer Menge und unmittelbar, z.B. via Internet, frei zur Verfügung, deren Aneignung führt zu Wissen, deren Verständnis und Integration zu neuen Erkenntnissen. Wesentlich für die Wertschöpfung ist deren Umsetzung in Know-how und innovative Produkte.

gezetera: Ist nun in diesem Zusammenhang für die Industrie, auch für Novartis, eine Zusammenarbeit mit Universitäten attraktiv?

Vasella: Ja, diese Zusammenarbeit ist nützlich. Erstens ist in unserer Industrie Innovation überlebenswichtig. Wir sind damit von hochspezialisierten Wissensträgern, d.h. kreativen Forschern, die an der Universität ausgebildet werden, abhängig. Zweitens wird an Universitäten Forschung betrieben, welche für uns entweder als Mosaikstein in einem breiteren Kontext, als Grundlage für weitere Forschung oder auch als Endprodukt relevant sein kann.

gezetera: Aber die Novartis hat ja auch Forschungsabteilungen. Wozu braucht es da eigentlich noch die Universität?

Vasella: Innovative Durchbrüche erzielen Sie, wenn Sie grundlegend neue Erkenntnisse gewinnen. Dazu ist Austausch von neuen Erkenntnissen, Interaktion mit Andersdenkenden und eine gegenseitige, kritische Auseinandersetzung zwischen Universität und Industrie hilfreich. Bei Novartis betreiben wir 3 prinzipiell verschiedene Arten von Forschung: Die erste ist die interne Forschung, die zweite die Auftragsforschung, wo wir als Geldgeber auftreten, die Forschung dann aber an universitären Instituten oder anderen Unternehmen stattfindet. Die dritte ist ein Zwitter, wobei Mitarbeitende Doppelpositionen an der Universität und bei uns innehaben. Dies führt zu einer intensiveren gegenseitigen Befruchtung, einem regen Austausch von Personen,Ideen und Erkenntnissen.
Eine Sonderstellung stellt schliesslich jene Zusammenarbeit dar, innerhalb derer wir zum Beispiel Professuren finanzieren, die insofern eine Win-Win-Situation darstellen, als dass die Universität Mittel und Personen aus der Industrie erhält und dann Forschung betreiben kann, welche wiederum für uns interessant ist.

gezetera: Womit Sie auch gleich die Frage beantwortet haben, was denn die Industrie der Universität zurückgibt.

Vasella: Ich glaube, der Austausch von Wissenschaftern in beide Richtungen ist wesentlich. Das gibt neue Impulse, andere Gesichtspunkte, welche die Leute einfach dadurch erhalten, dass sie in verschiedenen Umgebungen arbeiten.

gezetera: Wie kann der Wissenstransfer zwischen Universitäten und Industrie optimiert werden?
Vasella: Wie gesagt, das Wichtigste ist der Austausch von Wissenschaftern. Hinzu kommen Publikationen und gemeinsame Projekte, wo Forscher bei uns und Forscher an der Uni an derselben Fragestellung arbeiten. Forscher an universitären Instituten erhalten so auch den Bezug zur industriellen Realität, letztlich zu den Bedürfnissen der Menschen "draussen" und können gleichzeitig auch grundlegende Dinge erforschen und entdecken. Gelegentlich können unsere Forscher vorübergehend, z.B. während eines Jahres, wieder an einer Universität arbeiten.

gezetera: Wie würde die "ideale" Universität eines attraktiven Forschungsstandortes aussehen?

Vasella: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie muss aus der Universität selbst, aus der leitenden Führung heraus beantwortet werden. Das Einzige, was ich sagen kann: Wir müssen uns überlegen, was denn eine erfolgreiche Uni ausmacht. Das ist meiner Meinung nach eine Uni, die qualitativ beste Forschung betreibt, und die Studenten ausbildet, die dann ein Weltklasse-Niveau erreichen können. Das bedingt, dass schon die Unterrichtenden und Forschenden Weltklasse-Niveau haben. Dass solche wissenschaftlich hochkarätige Akademiker an eine bestimme Uni kommen, hängt von den finanziellen Mitteln ab, die sie erhalten, der Anzahl der Laboratorien, der Post-Docs, der Studenten, und schliesslich von den Freiheiten, die sie bekommen. Ich denke dabei nicht nur an die akademische Freiheit, die Möglichkeit als Berater zu arbeiten, sondern auch die Option neben der akademischen Aufgabe industriell tätig zu sein. Die U.S.A. ist diesbezüglich wegweisend. Diesbezüglich hat auch innerhalb der Schweiz ein Gesinnungswandel stattgefunden. Die ursprüngliche Verachtung von Geld und materiellen Mitteln ist der Einstellung gewichen, dass es salonfähig ist, etwas zu verdienen.
Zur idealen Uni kommt dann noch ein komplexes Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Fakultäten, die Vernetzung mit der Bevölkerung, die Attraktivität für Studenten hinzu. Wenn Sie eine gute Uni haben wollen, brauchen Sie gute Studenten. Es muss eine strenge Selektion geben, die entscheidet, wer überhaupt kommen darf. Das steht noch in Widerspruch zu einer leider in der Schweiz weitverbreiteten antielitären Einstellung, obwohl es jeder Bürgerin und jedem Bürger prinzipiell möglich ist, zu dieser Elite zu gehören. Aber nur so, glaube ich, können Attraktivität und Qualtität unserer Universitäten schrittweise erhöht werden.
Evaluation muss auch auf Professoren-Ebene stattfinden. Eine Professur darf nur dann zur Lebensstellung werden, wenn immer wieder eine Spitzenleistung erbracht wird. Es braucht ein klares Bewertungssystem, womit Professoren von der Leitung, von Kollegen und von Studenten bewertet werden. Das finde ich absolut richtig und dies wird in vielen ausländischen Spitzenuniversitäten auch praktiziert.

gezetera: Welches spezifische Interesse hat Novartis an der Universität Basel? Welche Bedingungen müssen für eine vermehrte Zusammenarbeit erfüllt sein?

Vasella: Wir arbeiten bereits relativ intensiv zusammen. Eine Grundbedingung ist sicher die physische Nähe, dann auch das Verständnis auf der Führungsebene, gemeinsame Interessen und ein gewisses gegenseitiges Wohlwollen, schliesslich der Austausch von Wissenschaftern.
Mir scheint aber wichtig, dass man nicht krampfhaft auf Vertiefungen der Zusammenarbeiten aus sein sollte. Wenn man das Gefühl hat, weil die Nähe da ist, muss etwas stattfinden, dann macht man meist das Falsche. Zusammenarbeiten müssen sich aus der Konkordanz der Ziele und der Komplementarität der Initiativen ergeben.

Daniel Vasella, seit der Fusion von ciba und Sandoz 1996 zur Novartis Delegierter des Verwaltungsrates und Vorsitzender der Geschäftsleitung sowie seit 1999 Präsident des Verwaltungsrates, war als Facharzt für innere Medizin in verschiedenen Positionen in der Schweiz tätig. Von 1988 bis 1992 arbeitete er bei der US-Tochter von Sandoz. Später war Vasella Senior Vice-President und Leiter der weltweiten Pharma-Entwicklung, bevor er dann COO (Chief Operating Officer) und schliesslich CEO (Chief Executive Officer) von Sandoz Pharma wurde. Daniel Vasella ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Im Sinne der journalistischen Offenheit soll nicht verschwiegen werden, dass Thomas Keller nebenberuflich als externer Mitarbeiter bei Novartis Pharma AG im IT-Bereich arbeitet. Das Arbeitsverhältnis hat aber weder zum Zustandekommen des Interviews beigetragen noch das Gespräch oder dessen Inhalt in irgend einer Weise beeinflusst.