"Universitäten gehören zum Service Public"

Interview mit Ruth Dreifuss, Bundesrätin, gezetera print 3/01

Universitäten sind ja eigentlich nichts anderes als «Bildungsinstitutionen». Und als solche sind sie direkt abhängig von der Bildungspolitik eines Staates. gezetera hat diejenige über Universitäten und Bildung befragt, die ganz genau Bescheid wissen muss: Bundesrätin Ruth Dreifuss, eidgenössisches Departement des Inneren.

gezetera: Die Universitäten klagen, dass sie verhältnismässig immer weniger Geld vom Bund erhalten. Warum? Sind die Universitäten das Geld nicht mehr wert?
Dreifuss: Dem Klagelied möchte ich eine etwas andere Tonlage geben. Die Gesamtausgaben für die Universitäten haben sich in den vergangenen Jahren erhöht. Der Anstieg des Bundesbeitrags liegt zwar unter einem Prozent. Jedoch haben die Ausgaben der Universitätskantone beträchtlich abgenommen, und der Gesamtzuwachs ist nur dank den stark ansteigenden Beiträgen der Nicht-Universitätskantone möglich. Verglichen mit den Universitätskantonen steht der Bund nicht schlecht da.
Sicher konnten wir auf Seiten des Bundes in den letzten Jahren im Bildungsbereich nicht alles realisieren, was wir wollten. Die Verschlechterung der Finanzlage der öffentlichen Hand führte dazu, dass der Bund die Mittel für notwendige neue Aufgaben in Bildung und Wissenschaft nicht bereitstellen konnte. Mit der Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Technologie in den Jahren 2000-2003 haben die Sparübungen im Bereich von Hochschule und Forschung jedoch ein Ende gefunden. In den beiden kommenden Jahren werden die Bundesbeiträge an die Universitäten um je 5 Prozent erhöht - wobei ich zugeben muss, dass das in meinen Augen eine eher zu langsame Erhöhung ist.

gezetera: Wer soll die Universitäten finanzieren? Der Bund? Die Kantone? Die Privatwirtschaft?

Dreifuss: Die Universitäten gehören ohne Zweifel zum Service Public. Deswegen sind Bund und Kantone verpflichtet, die Finanzierung sicherzustellen. Im föderalistischen Aufbau der Schweiz müssen wir die Kräfte bündeln und uns koordinieren. In diesen Anstrengungen haben wir Fortschritte gemacht: Wir haben das neue Universitätsförderungsgesetz und mit der Schweizerischen Universitätskonferenz eine neue Institution geschaffen. Bund und Kantone haben in beispielhafter Weise gelernt, gemeinsam Qualität zu fördern, Schwerpunkte zu setzen, Nachhaltigkeit zu garantieren, Austausch zu ermöglichen. Gleichzeitig sind Wissenschaft und Bildung grösstmögliche Freiheit und Autonomie garantiert.
Wenn die Privatwirtschaft Beiträge leistet, zum Beispiel in Form von Aufträgen an ein Institut, dann ist das ein Qualitätsbeweis für die Arbeit des Instituts, aber wichtige Forschung im Bereich der Geisteswissenschaften bleibt beiseite. Zudem gibt es Drittmittel allenfalls für die Forschung, während die Lehre zwingend auf staatliche Beiträge angewiesen ist. Die Beiträge der Privatwirtschaft dürfen deshalb diejenigen der öffentlichen Hand keinesfalls ersetzen, sondern nur ergänzen.
Die Förderung der Grundlagenforschung ist ebenfalls eine primär staatliche Aufgabe, und diese Forschung wird in erster Linie an den Hochschulen durchgeführt. In den letzten Jahren nahm die Unterstützung der angewandten Forschung stärker zu als jene der Grundlagenforschung. Diesen Trend müssen wir korrigieren. Denn nicht nur die angewandte Forschung hat eine Daseinsberechtigung, sondern auch die freie Forschung. Ihr Schutz ist mir wichtig, denn es muss auch auf das Risiko hin, nichts zu finden, geforscht werden können.

gezetera: Wenn die Privatwirtschaft die Universitäten fördert, dann wird sie auch fordern. Was kann man gegen die Vereinnahmung der Bildung durch die Wirtschaft tun?

Dreifuss: Die Wirtschaft fördert in erster Linie Forschungsprojekte und kaum die Bildung. Solche Zusammenarbeitsprojekte sind nur dann fruchtbar, wenn sie für beide Seiten von Interesse sind. Und wenn die Studentinnen und Studenten in diesen Projekten Forschungserfahrung mit Praxisbezug sammeln können, so sehe ich darin nicht nur Nachteile.
Ich denke aber, dass für diese Zusammenarbeit klare, transparente Regeln bestehen müssten, wie Verträge zwischen Universitäten und Firmen aussehen sollen und wie die Unabhängigkeit der Forschenden sichergestellt werden soll. Einem Professor darf nicht aufgezwungen werden, wie seine Forschungsergebnisse auszusehen haben; Aufträge dürfen nicht zu Verzerrungen führen. An diesem Problem arbeiten wir, denn klare Regeln sind nötig.

gezetera: Was ist für Sie die Funktion von Bildung? Muss Bildung gesichert und gefördert werden?

Dreifuss: Bildung zu sichern und die verschiedenen Ausbildungsformen unserer Jugend zu finanzieren, ist eine der Grundaufgaben des Staates. Bildung ist gerade für die Schweiz von hoher Priorität, denn wir leben von unserem Wissen. Und dieses soll weiterverbreitet und entwickelt werden, dank kontinuierlicher Aus- und Weiterbildung sowie des Zugangs aller Menschen zur Bildung - unabhängig von Geschlecht und sozialer Herkunft der Eltern.

gezetera: Sie selbst haben den 2. Bildungsweg durchlaufen. Ist das ein Modell für die Zukunft? Wie sichert man Bildung (und speziell diesen Bildungsweg) Leuten mit wenig Geld zu?

Dreifuss: Systeme, in denen man die Weichen nicht gleich am Anfang endgültig stellen muss, finde ich unabdingbar. Niemand soll glauben müssen, dass die ganze Ausbildung bereits mit dem Einstieg ins Berufsleben abgeschlossen sei. Vielmehr sollte z.B. ein Studienfach später durch ein anderes ergänzt werden können, in Richtung eines Baukastensystems, einer Éducation Permanente. Meinen eigenen Bildungsweg habe ich als pädagogisch sehr sinnvoll erlebt; er spielte sich nach einer Art Baukastensystem ab. Für Menschen auf dem zweiten Bildungsweg - aber nicht nur für sie! - spielen Stipendien sicher eine wichtige Rolle, denn sie sollen die freie Wahl haben. Das Stipendiensystem bedarf indessen der Harmonisierung, gerade um für Menschen auf dem zweiten Bildungsweg oder für Frauen mit familiären Verpflichtungen bessere Bedingungen zu schaffen.

gezetera: An ausländischen Universitäten mit begrenzten Studienplätzen sind Schweizer Studierende als Nicht-EU-BürgerInnen oft nur zweite Wahl. Wie lässt sich das ändern?

Dreifuss: Im Juni 1999 hat die Schweiz die Erklärung von Bologna unterschrieben. Deren Ziel ist es, die Hochschulabschlüsse in Europa zu harmonisieren und dem angelsächsischen Modell anzupassen. Die Universitäten Basel, St. Gallen, Lugano, die Hochschule Luzern und die ETH Zürich sind bereits dabei, ihre Studiengänge auf die neuen Abschlüsse Bachelor, Master und PhD abzustimmen. Dank dieser Umstellung können die verschiedenen Hochschulabschlüsse besser miteinander verglichen werden. Ich erhoffe mir natürlich, dass Schweizer Studierende damit leichter Zugang an ausländische Universitäten finden. Ein wichtiger Faktor ist auch die Qualität unserer Hochschulen, und wir sind ständig gefordert, den Ruf hoch zu halten.

Sicher gibt es aber noch viel zu tun bei der Vernetzung der Bildungsinstitutionen, die zur Zeit noch nicht befriedigend ist, die aber unseren Anschluss an die Austauschprogramme der Universitäten des Auslands gewährleisten würde. Zuversichtlich stimmt mich jedoch, dass die Wissenschaft durchaus eine Lobby hat, auch hinsichtlich unseres Mitmachens in Europa.

gezetera: Ist der virtuelle Campus ein Modell, wie "Vernetzung" und Zusammenarbeit künftig aussehen wird? Wie weit ist die konkrete Umsetzung dieser Projekte?

Dreifuss: Der Virtuelle Campus Schweiz soll die traditionelle Universität nicht ersetzen, sondern mit gezielten Projekten ergänzen. Er soll Dozenten entlasten und den Universitäten die Chance bieten, die verschiedenen Angebote besser aufeinander abzustimmen, und die Zusammenarbeit fördern. Geplant ist, dass Studierende bestimmte Lehrveranstaltungen von zu Hause aus online verfolgen können. Erwähnenswert scheint mir dabei, dass die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im universitären Aus- und Weiterbildungsbereich interessante Anwendungsmöglichkeiten für alle Wissenschaftszweige bieten. Die bis heute lancierten rund 50 Projekte stammen sowohl aus dem Bereich der exakten und der medizinischen Wissenschaften als auch aus jenem der Geistes- und Sozialwissenschaften.

gezetera: Was ist Ihre Vision für das schweizerische Bildungswesen?

Dreifuss: An den Bildungsinfrastrukturen können ständig Verbesserungen vorgenommen werden. Aber das Wichtigste ist der Geist, der gefördert wird: freie, neugierige, verantwortungsvolle Menschen, kritisch und selbstkritisch, dialogfähig und in der Lage, viele ihrer so vielfältigen Begabungen zu entfalten.

Ruth Dreifuss, Jahrgang 1940, wuchs in Genf auf. Nach einem Handelsdiplom entschloss sie sich für den zweiten Bildungsweg und besuchte das Abendgymnasium, welches sie mit einer Handelsmatura abschloss. Danach studierte sie Wirtschaftswissenschaften in Genf. Bereits 1965 der sozialdemokratischen Partei beigetreten, war sie 1989-92 Mitglied des Berner Stadtrates und wurde 1993 die zweite Bundesrätin der Schweiz; sie erhielt das Departement des Inneren, welchem sie seitdem vorsteht. Ruth Dreifuss ist ledig.