"Meine Vision ist eine Universität, die verbindet"

Interview mit Ulrich Gäbler, Rektor der Universität Basel, gezetera print 2/01

Er ist "der oberste Professor" dieser Universität. Das Rektorat ist zwar dem Universitätsrat noch Rechenschaft schuldig, dennoch bestimmt die "Exekutive" der Universität weitgehend, wie sich die Institution konkret präsentiert. gezetera wollte vom Rektor persönlich wissen, wie er die Universität Basel sieht, wo er Probleme lokalisiert und wie er sie zu lösen gedenkt.

gezetera: Herr Gäbler, im April 2000 wurden Sie sind nach dem neuen Universitätsstatut wiedergewählt. Bleiben Sie Rektor auf Lebenszeit?

Gäbler: Das sicher nicht. Meine Amtsperiode läuft Ende September 2002 aus und ich werde im Laufe des nächsten Jahres entscheiden, ob ich eine weitere Wiederwahl anstrebe. Das hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere von meiner eigenen Einschätzung der Stimmung an dieser Universität. Aber mich reizt es, das weiterzuführen, was wir begonnen haben.

gezetera: Am 9. November 2000 hat die Universität Basel in einem Bericht in der "Weltwoche" über die Erfahrungen der Erstsemestrigen an verschiedenen Universitäten relativ schlecht abgeschnitten; ist sie die schlechteste Universität der Schweiz?

Gäbler: Sicherlich sind wir in keinem Bereich die schlechteste Universität der Schweiz. Aber sicher ist auch, dass Verbesserungen notwendig sind, namentlich in der Betreuung der Studierenden, gerade am Anfang des Studiums. Studierende müssen sehr früh so kompetent wie möglich in ihr Fach eingeführt werden, damit sie bereits am Anfang ihres Studiums spüren, dass sich diese Universität um ihre Studierenden kümmert, und damit sie wissen, wohin die Reise geht. Gerade dieser letzte Punkt scheint mir wichtig, weil hier noch Defizite spürbar sind.

gezetera: Im zitierten Artikel wird wörtlich davon gesprochen, man habe das "Bild einer verunsicherten Institution im Umbruch aus einer langen Tradition in eine kurzatmige Zukunft. [...] Diese Hochschule [ist] vor allem mit sich selbst beschäftigt."

Gäbler: Das will ich zurückweisen; die Universität ist nicht mit sich selbst beschäftigt! Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit unseren Strukturen, aber das dient ganz bestimmten Zwecken: Die Strukturen sind teilweise mittelalterlich und nicht auf eine moderne Gesellschaft eingerichtet. Mit der Erneuerung der Curricula geschieht an dieser Universität etwas für die Studierenden. In der juristischen Fakultät beispielsweise werden Ihnen Studierende sagen, dass die Studiengänge besser sind als vor zwei Jahren.

gezetera: Wie kommunizieren Sie mit Studierenden?
Gäbler: Ich habe eigentlich drei Kommunikationswege. Der erste ist die Regenz, wo StudierendenvertreterInnen aus allen Fakultäten sitzen. Der zweite Weg ist die indirekte Kommunikation über die Departementschefs und -chefinnen, die an der Departementsversammlung ebenfalls Studierende hören. Und der dritte Weg ist, dass ich direkt mit Studierenden spreche, wenn sie den Wunsch dazu haben.

gezetera: Nun versteht sich die Universität als moderne Institution, kundenorientiert. Sind Studierende also Kunden?

Gäbler: Ich zögere, das Wort "Kunden" zu benutzen. Wir versuchen zu erreichen, dass die Universität die Balance zwischen Forschung, Unterricht und Dienstleistung findet. Und Unterricht ist in erster Linie lernen, nicht Lehre. Dass Lehrende zusammen mit den Studierenden lernen ist für mich der entscheidende Unterschied zur "herkömmlichen" Universität. Der Unterricht muss vom Gesichtspunkt der Studierenden her konzipiert werden oder, um es präziser zu sagen, Studiengänge müssen von den Studienzielen ausgehend entwickelt werden.
Die Studierenden sind also ein wesentlicher Teil der Universität, die Bestehendes auch in Frage stellen und damit Lernprozesse auf allen Ebenen auslösen. Auch Forschung ist ein gemeinsamer Lernprozess, in den die Studierenden auf verschiedene Weise mit einbezogen sind.
Die Universität muss Fragen beantworten können wie: Was sind die Fertigkeiten und Kompetenzen einer Person, die bei uns ein bestimmtes Studium absolviert hat? Wenn die Studiengänge transparent sind, bieten sie die Chance zum Vergleich. Deshalb sind Studienziele eine Selbstverpflichtung der Universität, damit sie Studierenden sagen kann, wenn Du bei uns studierst, dann kannst Du dieses und jenes.

gezetera: Es existiert also eine Konkurrenzsituation mit Universitäten im Ausland oder mit Fachhochschulen. Wie bleibt die Universität Basel konkurrenzfähig?

Gäbler: Diese Konkurrenzsituation existiert zweifellos und wird meiner Meinung noch gar nicht wirklich wahrgenommen. Bei uns haben, zumindest in gewissen Fächern, die Studierendenzahlen abgenommen - das geht auf Dauer natürlich nicht.
Die primäre Aufgabe ist es also, die universitären Leistungen zu verbessern: Den Studierenden soll eine Ausbildung angeboten werden, mit der sie sich identifizieren können. Wir haben das Programm "Studienmarketing" initiiert, womit wir versuchen, Schülerinnen und Schüler direkt mit unserer Universität in Kontakt zu bringen. Allerdings wählen die meisten Maturandinnen und Maturanden, nämlich 69%, den Erststudienort nach der geographischen Nähe. Da hat die Universität Basel wegen ihrer Grenzlage gegenüber den anderen Universitäten einen Nachteil.

gezetera: Sie haben die rückläufigen Studierendenzahlen angesprochen. Heisst das, dass im Moment die Studiengänge zu wenig attraktiv sind?

Gäbler: Das wäre eine zu einfache Formulierung. Die Entwicklung hat verschiedene Gründe. Einerseits geht der Anteil der 18jährigen in Basel-Stadt zurück. Andererseits geht das Interesse an gewisse Studien, vor allem in der Phil. II, verloren. Wir müssen deshalb zum Beispiel versuchen, vermehrt Frauen für naturwissenschaftliche Fächer zu interessieren. Und wir müssen Studierwilligen tatsächlich deutlicher machen, was wir zu bieten haben. Die Haltung der Universität muss stärker auf Lehre und Studierende gerichtet werden, wobei das selbstverständlich nicht auf Kosten der Forschung gehen darf. Forschung und Lehre dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn Universitäten können die Lehre nur leisten, wenn sie Forschung betreiben.

gezetera: Sind in der momentanen finanziellen Situation die Löhne der ProfessorInnen eigentlich noch gerechtfertigt?

Gäbler: Die finanzielle Situation der Universität hat sich durch den Entschluss des Kantons Basel-Landschaft, der Universität jährlich 10 Millionen Franken mehr zu geben, gebessert. Aber die Universitäten sind teurer geworden, weil sich die Anforderungen an sie erhöht haben. Diese Löhne der ProfessorInnen liegen in einem gesamtschweizerischen Durchschnitt. Wir können und sollen da nichts ändern, denn hier bringen Menschen Leistungen, und wenn ich diese Leistungen mit Leistungen in anderen Bereichen vergleiche, dann ist die Entlöhnung sicherlich angemessen.

gezetera: Wie gehen Sie denn damit um, wenn jemand diese Leistungen nicht erbringt? Es ist ja praktisch unmöglich, einem Professor zu künden.

Gäbler: Wir haben etwa 270 Professoruren. Natürlich höre ich ab und zu, dass da einzelne ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wie in allen menschlichen Gemeinschaften. Aber das ist eine absolut verschwindende Minderheit Unser Universitätsstatut sieht im Übrigen die Kündigung von Professuren bei ständiger Pflichtversäumnis vor; wir haben davon glücklicherweise noch nie Gebrauch machen müssen. Allerdings frage ich mich, ob wir im Zuge einer Erneuerung der Universität nicht zu einem strukturierteren Umgang miteinander finden. Als moderner Betrieb sollten wir Umgebungen schaffen, wo offene Gespräche möglich sind.

gezetera: Sind die Evaluationen Teil von diesen Umgebungen? Gerade in der Phil. I-Fakultät wird nämlich oft relativ willkürlich evaluiert, und was dann geschieht, weiss irgendwie niemand so recht...

Gäbler: Evaluationen machen nur Sinn wenn man weiss, was damit geschehen soll. Die Aufmerksamkeit sollte aber nicht primär auf der Evaluation einzelner Lehrveranstaltungen liegen, sondern auf derjenigen eines Studienganges insgesamt. Aber natürlich müssen auch die einzelnen Veranstaltungen evaluiert werden. Es geht aber nicht um Sanktionen oder Kürzung von Mitteln. Die Evaluationen dienen der Qualitätsverbesserung und sollen gesamtuniversitär in die Curricula eingebaut werden. Die Entwicklung ist aber noch nicht abgeschlossen und das Thema beschäftigt uns nach wie vor.

gezetera: Es ist einfacher, in Freiburg im Breisgau, eine Veranstaltung zu besuchen und sie sich anrechnen zu lassen als eine im eigenen Land, etwa an der Universität Zürich. Wissen Sie das? Es ist doch Aufgabe der Rektorenkonferenz, hier für Strukturen zu sorgen!

Gäbler: Es stimmt, dass die Zusammenarbeit zwischen den EUCOR-Universitäten (Basel, Mulhouse, Strassbourg, Karlsruhe und Freiburg) intensiver ist als die Zusammenarbeit zwischen Basel und den anderen Schweizer Universitäten. Allerdings kann hier die Rektorenkonferenz nicht viel tun; wir sagen nur, dass wir die Modularisierung des Unterrichts befürworten. Die konkrete Umsetzung besorgt die Fakultät. Genau das gehört eben auch in die einzelnen Curricula und in die Studienordnungen. Wir im Rektorat bieten alle Hand dafür, dass die Mobilitätsmöglichkeiten für Studierende verbessert werden.

gezetera: Wie gliedert sich die Universität Basel in Welt und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ein?

Gäbler: Meine Vorstellung ist es, dass die Universität in mehrfacher Hinsicht eine verbindende Rolle spielt. Verwurzelt ist sie hier in der Region; wir haben hier zum Beispiel die LehrerInnen- oder JuristInnenausbildung zur Aufgabe. Diese regionale Komponente muss aber einhergehen mit einer universalen Ausrichtung - "die Welt muss hereingeholt werden". Die Region Nordwestschweiz kann auch so etwas wie eine Schulstube der Schweiz in Bezug auf das Bildungswesen heranbilden: Meine Vision wären eine starke Fachhochschule, eine gute International School, die nächsten Universitäten im Ausland, und unsere Universität, die sich ergänzen und zusammenarbeiten, getragen von der Region, nicht nur vom Kanton Basel-Stadt.
Die Universität hat ausserdem eine kritische Funktion in der Gesellschaft: Wir treiben Wissenschaft und bringen so Rationalität in gesellschaftliche Diskurse ein und gewinnen neue Einsichten. Ich wünsche mir, dass wir etwas vom Geist mittelalterlicher Universität tragen, vom Zusammenspiel nämlich zwischen neu Eingetretenen und Alteingesessenen, die zusammen, von Neugier angetrieben, Wissen generieren. So, dass auch Studierende spüren, dass hier etwas Aufregendes geschieht, etwas Singuläres und etwas Elitäres. Es ist ein Vorrecht und ein Privileg, dass eine Gesellschaft bereit ist, das zu tragen.