"Nachrichten sind Waren."
Interview mit Charles Clerc, Tagesschau-Sprecher, gezetera print 2/00
Charles Clerc ist im Rahmen einer Übung zur Sprecherziehung, die A. Hofmüller-Schenck vom Deutschen Seminar der Universität
Basel jeweils anbietet nach Basel gekommen. gezetera hat die Gunst der Stunde genutzt und mit dem "Tagesschau"-Moderator ein
Interview geführt.
In einer Umfrage der Zeitschrift FACTS wurde Charles Clerc zum beliebtesten Moderator der Deutschschweiz gewählt
(FACTS 25/99). Die Zeitschrift zieht das Fazit, dass der "pfiffig wirkende" Moderator mit einer Vorliebe für "waghalsige
Kravatten" und einem "treuherzigen Blick" trotz einer Moderatorenflut noch lange nicht in der Versenkung verschwinden werde:
"Er bleibt einer zum Gernhaben".
Personality hin oder her: Wir interessierten uns, was ein "Tagesschau"-Moderator und -Redaktor zum Thema Newsmaking und
Infotainment zu sagen hat; unser Interview dreht sich deshalb nicht um den Privatmann Charles Clerc, sondern ist ein
Gespräch mit einem Fachmann zu ebendiesen Themen.
gezetera: Herr Clerc, Sie sind Moderator, Medienschaffender, Journalist, Redaktor. Als was sehen Sie sich selbst?
Charles Clerc: Wenn ich diese Fragebögen ausfüllen muss, wo jeweils ein Beruf angegeben werden muss, schreibe ich meistens
Journalist, allenfalls Redaktor. Ich bin da irgendwie hineingewachsen und habe als Journalist angefangen, zuerst bei einer
Lokalzeitung, später beim Radio. Heute wiegt die Moderation stärker als früher; sie wird je länger je mehr zu
einem eigenen
Beruf, im Gegensatz zu der Zeit, wo ich angefangen habe. Katja Stauber, zum Beispiel, die wesentlich jünger ist als ich,
ist direkt als Moderatorin eingestiegen.
gezetera: Als "Tagesschau"-Moderator und auch Redaktor werden Sie tagtäglich mit dem weiten Feld des "Newsmaking"
konfrontiert. Hier hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen, weg von der traditionellen Informations-Vermittlung, hin zum
Infotainment. Die Frage stellt sich: Wie wichtig ist die Information an sich noch?
Charles Clerc: Ich denke, dass die Nachrichten-Vermittlung heute in einem gewissen Sinn weniger politisch ausgerichtet ist,
sondern mehr auf das Publikum. Früher wurde vielleicht mit einem gewissen "didaktischen" Ansatz ausgewählt, nach dem Motto:
"Diese Nachricht muss die Leute interessieren." Heute wird eher gefragt, was interessiert, was spricht an, was kommt an;
trotzdem gibt es nach wie vor bestimmte politische Ereignisse, welche von einem derartigen allgemeinen Interesse sind, dass
diese Fragen eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Beispielsweise ist die elfte AHV-Revision nicht gerade ein erotisches
Thema; dennoch betrifft sie uns alle, und die "Tagesschau" berichtet allein deshalb schon darüber.
gezetera: Wie werden Informationen denn ausgewählt?
Charles Clerc: Nachrichten sind zu einer Ware geworden, die man verkaufen muss. Heute kann nicht mehr über irgend etwas
berichtet werden; im schlimmsten Fall zappen die Zuschauenden einfach weg. Natürlich, es gibt Pflichtstoffe, wie etwa die
eben angesprochene AHV-Revision. Beim Fernsehen ist weiterhin ein wichtiges Kriterium, ob es Bildmaterial gibt; wenn also
beispielsweise irgendwo in Alaska ein Stück Eisberg abbricht, so ist das an sich überhaupt keine Nachricht; trotzdem kann
sie sogar zum Aufhänger werden, wenn schöne Bilder vorhanden sind.
gezetera: Gilt das auch umgekehrt? Keine Bilder, keine Nachricht?
Charles Clerc: Ich denke nicht. Wenn ein Flugzeug abgestürzt ist und noch kein Bildmaterial existiert, wird die "Tagesschau"
wohl dennoch darüber berichten; eine derartige Nachricht ist von hoher Brisanz und grossem Interesse.
gezetera: Sie haben vorhin die "didaktische" Auswahl angesprochen. Das impliziert ja, dass Nachrichten beeinflussen, und
dass sich diese Beeinflussung steuern lässt...
Charles Clerc: Bedingt. Oft hat man die schönsten Intentionen, und in der Praxis erreicht man gar nichts. Es gibt in der
"Tagesschau" keine deklarierte Absicht, die Zuschauenden in irgend einer Form zu beeinflussen. Natürlich bin ich mir
bewusst, dass dies dann trotzdem wieder geschieht, eben durch die Art der Präsentation, die ja auch von der moderierenden
Person abhängig ist. Die mediale Beeinflussung aber, wie sie vielleicht von der Werbung her bekannt ist, gehört nicht zu
unseren Zielen.
gezetera: Auf den Privatsendern ist im Moment eine extreme Mischung von Information und Unterhaltung zu beobachten, was
gemeinhin oft mit "Boulevardisierung" umschrieben wird.
Charles Clerc: Und auch die umgekehrte Durchmischung ist zu beobachten; diese Unterhaltungssendungen am Samstag Abend werden
auch mit ernsthaften Gesprächen angereichert. So könnte man sagen, und das macht die ganzen Programme oft etwas
deprimierend, dass sich alles immer ähnlicher wird; die ernsthaften Sendungen werden etwas unterhaltsamer, die
unterhaltsamen etwas ernster. Am Schluss ist dann alles dasselbe.
gezetera: Man könnte ja Ihr berühmtes "Und zum Schluss noch dies"-Geschichtchen unter dem Stichwort "Infotainment" laufen
lassen. Hier liesse sich diskutieren, ob so etwas in einer ernsthaften Sendung Platz haben sollte...
Charles Clerc: Diese Geschichtchen laufen bei mir unter einem anderen Stichwort, einem alten aus der Zeitung: "Unter dem
Strich". Dort stand nämlich in Zeitungen das Feuilleton, also das, was unter dem Aspekt der Information nicht wirklich
zählt. Genau das ist es für mich: Die Sendung ist vorbei, und nachher, also unter dem Strich, erzähle ich noch das
Geschichtchen. Ich würde das eigentlich nicht als typisches und eigentlich auch als unproblematisches Element von
Infotainment sehen. Als ich damit begonnen hatte, war das etwas aussergewöhnliches; heute gehört ja diese Art Schabernack
beinahe schon in jede ernsthafte Nachrichtensendung.
gezetera: Versuchen Sie, versucht die "Tagesschau" der Boulevardisierung entgegenzuwirken?
Charles Clerc: Ich glaube nicht, dass alle Aspekte der Boulevardisierung negativ sind. Es spricht doch nichts dagegen,
eine Nachricht so zu präsentieren, dass sie spannend ist. Aber in den letzten Jahren ist dies natürlich zu einem ständigen
Thema avanciert; früher waren die Strukturen einer Nachrichtensendung klar: Zuerst das Inland, dann das Ausland (oder
allenfalls umgekehrt), dann die Kultur. Heute ist eine Sendung dramaturgischer aufgebaut, das heisst, am Anfang soll
etwas kommen, das interessiert, ein Aufhänger. Wir diskutieren in unseren täglichen Sendekritiken oft darüber, ob sich
nicht vielleicht ein anderer Beitrag besser als Aufhänger geeignet hätte als der tatsächlich gesendete. Ich glaube, um
auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen, dass man der Boulevardisierung nicht entgegenwirken, sondern man muss lernen,
wie man damit umgehen kann.
gezetera: Nebst dem vielleicht neueren Phänomen der Vermischung von Information und Unterhaltung existiert ja der immer
wieder diskutierte Gegensatz zwischen objektivem und subjektivem Journalismus; letzterer wäre in der äussersten Form
eine Vermischung von Wertung, Meinung und Fakten. Wie halten Sie das persönlich? Versuchen Sie, nur Fakten zu vermitteln?
Charles Clerc: Nicht nur. Ich versuche ein bisschen, meine eigene Haltung klar zu machen. Ich wundere mich jeden Tag darüber,
wie es auf der Welt so zu und her geht. Und zu meiner Vermittlung gehört immer auch irgendwie die Botschaft: "Jetzt seht
Euch mal an, was hier passiert, das ist doch wieder einmal sehr seltsam, oder?" Ich versuche immer, das sehr
zurückhaltend einfliessen zu lassen. Denn diese "absolute Objektivität" gibt es nicht; Nachrichten sind immer das Produkt
von einer Auswahl, einer Platzierung, einer Gewichtung, einer Betonung. Ein bisschen Meinung ist somit auch in der
"objektivsten" Nachricht enthalten.
gezetera: Sie moderieren auf 3sat das Kulturquiz "Denk mal". Wie sehen Sie das Verhältnis von Kultur und Medien?
Charles Clerc: Nun, der Kulturbegriff hat sich extrem gewandelt in den letzten etwa zehn Jahren; heute ist eigentlich
alles Kultur. Früher bezeichnete der Begriff "Kultur" etwas Bestimmtes, die höheren Künste, das Kunstmuseum und das
Stadttheater. Und heute ist der Begriff sehr weit gefasst. Und natürlich sind Medien selbst auch Kultur; ich glaube,
niemand macht heute soviel Kultur wie die Medien, wenn man "Kultur" ganz wertfrei als Gestaltung und Formung von Inhalten
versteht.
gezetera: Die Gefahr besteht natürlich, dass die Kultur ausverkauft wird; dass es also nur noch darum geht, möglichst viel
Geld zu verdienen und nicht mehr um die eigentlichen Inhalte. Kultur würde ebenfalls zu einer Ware.
Charles Clerc: Dieses Phänomen muss man meiner Meinung nach einfach zur Kenntnis nehmen und nicht bewerten. Es gibt heute
einfach nicht mehr die "Kultur" wie noch vor dreissig Jahren; und die Frage ist, an was wird man sich später noch erinnern.
Sie können ja auch innerhalb dieses Warengutes "Kultur" Qualitätsmassstäbe ansetzen und somit sagen, was gut und was
schlecht ist. Unser ganzes tägliches Leben ist kommerzialisiert, und die Medien sind nur ein Ausdruck davon, nicht der
Auslöser.
gezetera: Sollten denn Medien nicht eine gewisse Kontrollfunktion haben?
Charles Clerc: Eine politische sicher, die kritische Betrachtung des eigenen Staates. Und wenn jemand einen Dokumentarfilm
dreht über ausgesteuerte Arbeitslose, dann ist das ja auch eine gesellschaftliche Kontrollinstanz; die Gesellschaft wird
aufgeklärt und an ihre Verantwortung erinnert.
gezetera: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Fernsehnews?
Charles Clerc: Ich glaube, je mehr Rudimentärnews und Nonsense verbreitet wird, desto grösser ist auch das Bedürfnis nach
eigenen Informationskanälen; es gibt ja schon eigene Newssender. Das Bedürfnis nach Information, das Bedürfnis, zu wissen,
was passiert, ist wohl etwas urmenschliches. Und je mehr andere Sender auf die Information verzichten, desto besser sind wir
mit Informationssendungen im Rennen, weil wir eben dieses Bedürfnis befriedigen können.
gezetera: Vielen Dank für das Interview.
Charles Clerc, geboren 1943 und aufgewachsen in Fribourg, studierte Deutsch, Französisch und Schweizer Geschichte und hat
einen Abschluss als Sekundarlehrer. Über die "Freiburger Nachrichten" und ein Volontariat beim Schweizer Fernsehen landete
er bei Radio DRS, wo er von 1970 bis 1983 Redaktor in den Bereichen Information und Kultur war. Seit 1983 ist er wieder
beim Fernsehen DRS und nebenbei für 3sat und Radio DRS II tätig.