Sechs Stunden im Zug

Kolumne, gezetera print 2/00

Basel Bad. Bahnhof - Bochum Hbf; das sind laut dem offiziellen Informationspapier der Deutschen Bahn knapp sechs Stunden. Dieses Papier, worauf stolz im DB-üblichen Rot das Wort "Reiseplan" prangt, ist von deutscher Gründlichkeit; nicht nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten sind vermerkt, nein, auch die nächsten Anschlüsse sind für jeden Ort einzeln aufgeführt, und nicht zu vergessen die Distanz zwischen den Haltestellen in Kilometern (wobei ausdrücklich vermerkt ist, dass dies nicht etwa als Grundlage für Preisberechnungen, sondern ausschliesslich zu "Ihrer Information" dient.).
Bereits im Vorfeld habe ich mir Gedanken gemacht, wie diese sechs Stunden denn am besten ausgefüllt werden können. Einerseits würde ich nicht alleine reisen; aber was, wenn die Begleitung eine Zeitung mitgebracht hat? Was, wenn sie lieber Vokabeln büffelt als sich mit mir zu unterhalten? Was, wenn sie im letzten Moment ausfällt? Nichts dem Zufall überlassen lautet die Devise, umsichtige Vorkehrungen treffen lohnt sich immer.
Diese Vorkehrungen beinhalteten unter anderem die aktuelle Ausgabe der "Weltwoche", einen Walkman, einen Laptop sowie einiges an Literatur, die durchgeackert werden müsste. In der Meinung, bestens vorbereitet zu sein, fand ich mich also um 9 Uhr 20 am Bahnhof ein; 15 Uhr 07 ist als planmässige Ankunft in Bochum vorgesehen.
Die ersten Probleme stellten sich bereits beim Einsteigen in den Zug: Die Sitzplätze waren zwar wie vorgesehen reserviert, jedoch handelte es sich beim Wagen um einen "Grossraumwagen"; das sind diese unsäglichen Konstruktionen mit einem Vierer-Sitz-Abteil in der Mitte und lauter Zweier-Sitze im hinteren und vorderen Teil des Wagens, wobei jeweils die eine Hälfte der Reisenden rückwärts fahren muss. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass wir zu ebendiesen rückwärtsfahrenden Auserwählten gehörten. Weiterhin hatten wir erhebliche Probleme mit der Gepäckablage; aufgrund der Konstuktionsweise der Wagen ist nicht daran zu denken, das Gepäck im Fussbereich zu lagern; vielmehr mussten die schweren Taschen meiner Begleitung und auch diejenigen von mir selbst auf die Gepäckablage gehievt werden, was zu einer unfreiwilligen Stunt-Einlage meinerseits führte. Das Platzmanagement in der Gepäckablage konnte ich schliesslich zur Zufriedenheit lösen, allerdings nur bis Karlsruhe, wo sich die Plätze vor und hinter uns füllten, was wiederum mit erheblichen räumlichen Umorganisationen verbunden war.
Als diese ersten Probleme aus der Welt geschafft waren, liess ich mich erschöpft in meinen Sitz zurücksinken, in der Hoffnung, mich irgendwie häuslich einzurichten für die nächsten paar Stunden. Weit gefehlt; der herunterklappbare Tisch litt an einer erheblichen Unterdimensionierung des zur Verfügung stehenden Platzes, was sich in dem Moment herausstellte, als ich die Zeitung darauf gelegt hatte und der Typ mit dem Kaffeewagen kam. Nicht nur, dass er keinen Platz fand, um den Kaffee abzustellen und dafür zusätzlich der Tisch meiner Begleitung zu Hilfe genommen werden musste; ich musste ausserdem zwischen Tisch, Kaffeewagen und Sitz hinausmanövrieren, um an den Mantel und vor allem an den sich darin befindliche Geldbeutel zu gelangen, denn schliesslich ist auch in der DB der Kaffee nicht gratis...
Ich stellte dann fest, dass es schlichtweg unmöglich ist, Kaffee zu trinken und gleichzeitig die Zeitung zu lesen; nachdem der Walkman im Zeitungsnetz verstaut war (welches sich im Übrigen schlecht zugänglich unter dem herunterklappbaren Tisch befindet) war es wenigstens möglich, Kaffee zu trinken und Musik zu hören und anschliessend die Zeitung zu lesen und Musik zu hören. Wie befürchtet packte meine Begleitung nämlich sehr bald einige Vokabeln und ein Lehrbuch aus, was mir nicht nur ein schlechtes Gewissen bereitete, sondern auch eine halbwegs vernünftige Kommunikation verunmöglichte.
Die Zeitung zu Lesen war dann auch nicht gerade eine meiner leichtesten Übungen; ich hielt entweder den rechten Teil der Zeitung meiner Begleitung ins Gesicht (was ich aus Rücksicht auf meine Rippen gar nicht erst ausprobierte), oder aber ich hielt den linken Teil der Zeitung in den Zwischengang hinein, was zu dauernden Unterbrechungen führte, weil andere Passagiere nicht einfach still in ihren Sitzen bleiben können, sondern das Gefühl haben, den Zug gehenderweise erkunden zu müssen.
Wie dem auch sei: Um 11 Uhr 14 war die Zeitung zu Ende gelesen. Weil aufgrund der unglaublich unkomfortablen Sitzgelegenheiten an Schlaf nicht zu denken war (die Lehne lässt sich zwar in ihrer vertikalen Ausrichtung minimal verstellen, was jedoch zu bösen Blicken der Reisenden hinter mir führte), versuchte ich die Landschaft zu geniessen. Dies scheiterte nicht nur daran, dass Elvis zum süddeutschen Hügelland nicht gerade die optimale Begleitmusik liefert (obwohl er ja in Deutschland stationiert war), sondern auch daran, dass die Wetterbedingungen für ein unangenehmes Einheitsgrau sorgten und im Übrigen die süddeutsche Landschaft nicht wirklich Abwechslung zu bieten hat.
Die DB stellt ihren Fahrgästen nicht einmal einen Internet-Anschluss zur Verfügung; und mangels Mobiltelefon musste ich deshalb auf jegliche Kommunikation mit der Welt ausserhalb des Zuges verzichten. Nach einigen Blicken ins Lehrbuch meiner Begleitung und der Feststellung, dass ich kein Spanisch verstand, stand ich kurzerhand auf (das heisst, ich nahm die Prozedur des "Sich-aus-dem-Sitz-Schälen" erneut auf mich) und zerrte den Laptop aus der Gepäckablage, nicht ohne die dabei nötige Vorsicht walten zu lassen, was mir einige spöttische und mitleidige Blicke zukommen liess. Das Resultat meiner Bemühungen ist dieser Text, womit denn auch geklärt wäre, wie solche Texte zustande kommen. Es ist nun 12 Uhr 10...