Ein Stern, der keiner ist.

Interview mit Kisha, Popstar, gezetera print 1/01

Kisha ist wohl das, was landläufig als Sternchen bezeichnet wird: Jung, hübsch, aus dem Nichts aufgetaucht und eine Zeitlang in aller Munde, pardon, Ohr. Meist ist dann auch der Begriff leicht abschätzig gemeint: Eben ein Sternchen halt, kein Star, schon gar keine Diva. Aber: Wie ist ein Sternchen wirklich? Und: Ist Kisha überhaupt eines? gezetera wollte es wissen: Anlässlich des Open Airs in Allschwil haben wir die Musikerin interviewt.

gezetera: Die vorliegende Ausgabe der gezetera dreht sich um das Thema "Sterne". Bis Du ein Pop-Sternchen?

Kisha: Nein, ich sehe mich überhaupt nicht so, sondern viel mehr als Künstlerin. Das ist ein Unterschied: Stars gibt es auf dem Markt viele, aber Alanis Morisette zum Beispiel ist eine wirkliche Künstlerin. Ich möchte nicht, dass ich später von mir sagen muss, ja, ich war ein grosser Star; ich möchte sagen können, dass ich eine grosse Künstlerin war. Dieser Weg ist viel länger, aber ich nehme den in Kauf.

gezetera: Britney Spears ist ja ein klassisches Sternchen. Niemand hat sie gekannt, plötzlich ist sie omnipräsent. Siehst Du da gar keine Parallelen zu Dir?

Kisha: Ich finde Britney Spears süss, und sie kann sehr gut tanzen und bietet eine Mega-Show. Hut ab und Respekt vor ihr, sie leistet harte Arbeit, nicht nur die Lieder, sondern auch der Tanz, das ist eine grosse Leistung. Aber das kann man nicht mit mir vergleichen, ich mache etwas anderes. Klar, mein erstes Album war Pop, das stimmt. Aber da habe ich nicht mitgeschrieben. Das hat sich geändert und das neue Album ist anders. Es ist rockiger und erdiger, nicht mehr dieses "Heile-Welt-Tralala". Ich fange jetzt auch an, selber zu texten, darauf bin ich sehr stolz. Beim ersten Album war das anders, da gab man mir den Text und sagte, hier, sing. Ich stehe auch dazu, denn damals war das für mich das Geilste, was ich je gemacht habe. Heute sage ich, das ist noch lange nicht das Geilste. Man muss zum Zeitpunkt, wo man etwas macht, auch immer dazu stehen.

gezetera: Trotzdem, in den Augen aller anderen bist Du ein Star...

Kisha: Ja, vielleicht. Aber ein Star ist eigentlich jemand, der einfach Glück hatte. Er ist weit oben, er hats geschafft, man kennt ihn, aber er kann nicht viel. Und dann gibt es Leute, die sind weit oben, weil sie etwas können. Oder anders: Die Stars singen, weil es ihnen gesagt wird, die Künstler singen, weil sie es wollen.

gezetera: Und deine Fans? Was hast Du für eine Beziehung zu ihnen?

Kisha: Eine sehr gute. Ich versuche zum Beispiel auf der Bühne immer, die ersten paar Leute im Publikum zu sehen, suche den Augenkontakt, kommuniziere mit ihnen. Natürlich gibt es solche, die sagen, wenn die mit mir gesprochen haben, hey, ich habe mit einem Star gesprochen. Da habe ich Mühe damit, aber das ist halt so. Zum Glück hält sich das bei mir alles in Grenzen, anders als eben zum Beispiel bei Britney Spears, die hat hier sicherlich ein Problem.

gezetera: Hat sich gar nichts geändert in Deinem Leben?
Kisha: Nein. Das klingt jetzt vielleicht total unglaubwürdig, Ich weiss nicht recht, wie ich das erklären soll... Ich wurde mal von der "annabelle" interviewt, und der Journalist wollte das in zwei Spalten darstellen: Eine Spalte Kisha, eine Spalte Brigitte. Ich habe ihm gesagt, er könne das vergessen, weil das eines und dasselbe sei. Er hat mir das nicht geglaubt, wir haben das Interview gemacht, und am Schluss hat er gesagt, das gehe wirklich nicht.
Ich habe mich nicht verändert; ich war auch noch nie der Typ, dem öffentliche Auftritte irgendwie peinlich waren oder so.

gezetera: Wir hatten diese Idee mit der doppelten Identität zuerst auch; die Tatsache, dass Du einen Künstlernamen benutzt, hat uns darauf gebracht...

Kisha: Die einzige Erklärung dafür ist, dass ich den Namen Brigitte nicht mag. Und mit "Brige" kannst Du auch nicht auftreten, Kisha ist da viel schöner.

gezetera: Dann "wirst" Du auch nicht zu Kisha, wenn Du auf die Bühne gehst.

Kisha: Nein, obwohl meine Mutter sagt, ich sei anders auf der Bühne, extrovertierter. Aber das bin ich, ich spiele das nicht, das ist ein Teil von mir. Ich möchte mich auf der Bühne so bewegen, wie ich will, wenn ich mich zum Beispiel setzen will, setze ich mich. Darum könnte ich das auch nicht, was Britney Spears macht, denn die bewegt sich ja nach einer klaren Choreographie.

gezetera: Dann gibt es bei Dir auch keine Trennung zwischen dem "öffentlichen" Leben und dem Privatleben?

Kisha: Nein, sonst würde ich hier nicht mit der Ziggi in der Hand sitzen. Ich gehe an Konzerte und in den Ausgang, es ist mir egal, ob man mich sieht oder nicht, Ich bin ich, und wenn ich auftrete, dann hat eben Brigitte einen Auftritt, und die Leute kennen sie unter dem Namen Kisha.

gezetera: Gibt das keine Konflikte mit den Platenfirmen oder dem Management?

Kisha: Am Anfang wollte die deutsche Plattenfirma nicht, dass ich mit Jeans und T-Shirt auftrete. Ich habe das zuerst nicht verstanden, aber wir haben jetzt einen Kompromiss gefunden. Die wollten auch, dass ich die Haare schneide und färbe, aber das will ich nicht, das wäre dann eben nicht mehr ich.

gezetera: Bereitest Du Dich speziell auf Konzerte vor?

Kisha: Ich weiss, dass ich die Lieder im Bauch habe und sie kenne. Ich bin gerne mit der Band zusammen, meine Eltern sind auch immer dabei, das ist immer schön familiär. So vor den Konzerten kann ich nicht alleine herumhängen, da würde ich mich in etwas reinsteigern und total nervös werden. Ich weiss von Alanis Morisette, dass sie vor einem Konzert meditiert, an so etwas würde ich zugrunde gehen!

gezetera: Was war das grösste Konzert, an welchem Du aufgetreten bist?

Kisha: Das war als Vorgruppe von Gölä, da war immer sehr viel Publikum.

gezetera: Gölä ist ja auch ein bisschen ein Phänomen. Ist er vielleicht ein Star?

Kisha: Nein, er ist wohl eine Mischung zwischen Star und Künstler, er hat schon etwas drauf. Ich habe jedes Mal Gänsehaut bei seinen Songs. Ich habe einmal sehr lange mit ihm geredet, er ist nicht der Rüpel wie man immer meint, nicht der primitive Typ, als der er teilweise rüberkommt.

gezetera: Gibts noch andere Künstler, zu denen du Beziehungen hast?

Kisha: Ja, zum Beispiel meinen Götti, Polo [Hofer], das ist meine Lieblingsband. Dann meine Sina, das ist eine gute Freundin von mir geworden; dann Flöru [Ast], den mag ich auch sehr, und Betty Legler, ich habe da viele Leute kennengelernt.

gezetera: Die ganze Schweizer Musikszene kennt sich also?

Kisha: In Deutschland wird ja immer davon gesprochen, dass alle eine grosse Familie seien. Irgendwann kam ich auch mal dazu und habe gemerkt, das stimmt gar nicht, da stichelt jeder den anderen und jeder ist sowieso der Beste. Hier in der Schweiz ist das total anders, man ist für einander da, spricht nicht hintenrum, das ist echt super. Ich bin halt die Jüngste, das Häsli, aber die anderen helfen mir auch, das ist wirklich schön.
Und es gibt am Schweizer Markt viele neue Musiker, zum Beispiel Supernova, die finde ich gut, oder auch die Lovebugs und all die neuen sind einfach gut. Die Schweizer Hitparade ist um Einiges besser als die deutsche, das sieht man schon daran, dass Leute wie Jürgen oder Zlatko hier nicht so erfolgreich sind wie in Deutschland.

gezetera: Was sind deine laufenden Projekte?

Kisha: Meine neue CD kommt im Sommer 2001; dann haben wir jetzt gerade einen Film gedreht, eine Verfilmung der "Fähnlein der Sieben Aufrechten". Ich spiele Hermine, die Hauptrolle, und Fabian Rohrer, der Snowboarder, spielt Karl. Dann sind noch Sven Epinay dabei und der Typ von der Ricola-Werbung. Der Film kommt im März in die Kinos.

gezetera: Und deine längerfristigen Pläne? Mehr Schauspielerei?

Kisha: Das kann ich nicht sagen. Ich freue mich einfach und mache das als Erfahrung für mich, aber Musik steht an der ersten Stelle. Vielleicht kommt später die Schauspielerei, aber in nächster Zeit werde ich immer Musik machen.

Kisha wurde 1978 geboren und heisst mit bürgerlichem Namen Brigitte Kobel. Ihr Gesangstalent wurde von ihrem Musiklehrer entdeckt, und bald darauf sammelte sie erste Erfahrungen in Schülerbands und nahm Gesangsunterricht. 1997 wurde Kisha von BMG unter Vertrag genommen, und im Sommer 1998 veröffentlichte sie ihren ersten Sond "Why", womit sie nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa Erfolge feierte und den Prix Walo gewann. Im April 1999 veröffentlichte sie ihr Album "Kisha", welches wochenlang in den Top 10 der Schweizer Charts verweilte. Im März 2001 wird der Film "Fahne 7" in den Kinos anlaufen, eine Verfilmung von Gottfried Kellers "Fähnlein der Sieben Aufrechten"; Kisha spielt darin die Rolle der Hermine. Im Sommer 2001 erscheint ausserdem ihr neues Album.
Weitere Informationen zu Kisha: http://www.kisha.ch